Hart arbeiten erschwert die Führung

Bereits im Jahr 2007 veröffentlichte Marshall Goldsmith ein Buch mit dem Titel „What Got You Here Won’t Get You There“ („Was Dich hierher brachte, bringt dich nicht weiter“).

In diesem Buch erläutert Goldsmith die Tatsache, dass die Verhaltensweisen vieler erfolgreicher Führungskräfte, welche sie bis zu einem bestimmten Punkt in ihrer Karriere katapultiert hatten, paradoxerweise jene sind, welche ihnen beim Erreichen der Top-Ebene im Weg stehen. Zu Beginn Deiner Karriere demonstrieren Verhaltensweisen wie „immer gewinnen wollen“ oder „einen großen Beitrag leisten“ Deine Motivation und Zielstrebigkeit. Aber in dem Moment, in dem Du eine Führungsrolle übernimmst, werden sie kontraproduktiv.

Seit Mr. Goldsmith sein Buch veröffentlicht hat, trat ein anderes zweischneidiges Schwert zu Tage, welches zum damaligen Zeitpunkt schwer vorhersehbar war:

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Die Unfähigkeit abzuschalten.

 

 

 

Wie viele Gewohnheiten, die Goldsmith in seinem Buch beschreibt, ist es erstaunlich schwer zu erkennen, welchen Schaden regelmäßige lange Überstunden sowohl auf Führungskräfte als auch deren Teams haben.

Teilweise fußt dieses lange Arbeiten darauf, dass Du zu Beginn Deiner Karriere Deinen Einsatz eben auch in der Bereitschaft demonstrierst, bis in die Nacht und auch am Wochenende zu arbeiten. Es differenziert Dich von weniger motivierten Kollegen. Auf diese Weise geht aber dieses Verhalten über die Zeit in Deine Arbeitsidentität über.

Während solche Arbeitszeiten Dir oft beim Karrierestart nützen, können sie Dir in einer Führungsrolle eher schaden. Ein Grund dafür liegt in der veränderten Verantwortung als Führungskraft. Zu Beginn Deiner Karriere kommt es hauptsächlich darauf an, wie Du Dich selbst führst. Je höher Du aufsteigst, je wahrscheinlicher wird es allerdings, dass Dein Job die Führung anderer beinhaltet. Dann sind es nicht länger nur die fachlichen Qualitäten, sondern auch interpersonelle Fähigkeiten, die zum Erfolg führen.

Was passiert mit diesen interpersonellen Fähigkeiten, wenn wir bis zur Erschöpfung arbeiten? Studien haben belegt, dass wir, wenn wir ausgepowert sind, das Verhalten der Menschen um uns eher mit negativen Ergebnissen interpretieren. Ein freundliches Gesicht wird dann eher als neutral empfunden, ein neutrales Gesicht als Stirnrunzeln. Es ist sogar so, dass, wenn wir müde sind, es uns deutlich schwerer fällt, uns nicht aggressiv gegenüber vermeintlichen Kränkungen zu verhalten. Wir nehmen also die Welt um uns nicht nur anders wahr, wir werden uns wahrscheinlich auch anders gegenüber ihr verhalten (mehr zum Thema „Mimik“).

Schlechtere Kommunikation ist also nicht die einzige Gefahr, die aus der Unfähigkeit abzuschalten resultiert, sondern auch Beeinträchtigung des Urteilsvermögens. Je größer Dein Verantwortungsrahmen in Deiner Organisation ist, desto öfter wirst Du bei schwierigen Entscheidungen konsultiert. Und wenn es darum geht, sich in unbekannten Gewässern zu bewegen oder Folgen und Risiken abzuschätzen, zeigt die Forschung ganz klar: Entscheidungsqualität sinkt in den Keller, wenn Du müde bist. Je mehr Entscheidungen und Konflikten Du Dich gegenüber siehst, desto wichtiger ist es für Dich, Deine Batterien aufzuladen. Überarbeitung und Schlafmangel verhindern, dass Du Probleme klar erkennen kannst und kreative Lösungen findest (mehr zum Thema „Gesundheitsmanagement“).

Die aber vielleicht größte Gefahr bei der Unfähigkeit abschalten zu können, wenn Du Führungskraft bist, ist, dass Deine Handlungen es Deinem Team schwerer machen, motiviert zu bleiben. Warum? Weil plötzlich Deine Verhaltensweisen am Arbeitsplatz nicht mehr nur Dich betreffen. Als Führungskraft reflektieren Deine Verhaltensweisen direkt Deine Erwartungshaltung gegenüber Deinem Team (mehr zum Thema „Kommunikations- & Teamentwicklung“).

Eine in 2010 veröffentlichte Studie betrachtete, was passiert, wenn Mitarbeiter sich psychologisch nicht während ihrer Freizeit vom Geschäft lösen können. Hunderte von Mitarbeitern aus verschiedenen Organisationen wurden zweimal befragt, jeweils zu Beginn der Studie und dann nochmals nach einem Jahr. Die Ergebnisse waren eindeutig: Die Mitarbeiter, welche wenig echte Zeit losgelöst vom Arbeitsalltags verbrachten, investierten nach einem Jahr nicht nur deutlich weniger Energie und Motivation in ihren Job, sie klagten im Schnitt auch häufiger über emotionale Erschöpfung und auch physische Symptome wie Kopfschmerzen und Magenprobleme.

Überstunden oder lange Arbeitszeiten müssen nicht immer in die Demotivation führen. Wahrscheinlich kennst Du das Gefühl, am Samstagvormittag in einem leeren Büro zu sitzen und Liegengebliebenes aufzuarbeiten. Allerdings macht es einen riesigen Unterschied, ob Du das freiwillig tust, oder ob man es von Dir erwartet. Dies verdeutlicht noch einen weiteren Grund, weshalb die Fähigkeit abzuschalten so wichtig für den Erfolg als Führungskraft ist: wenn ewige Schufterei zur normalen Art der Arbeit wird, wird es für Mitarbeiter schwierig, sie als etwas zu empfingen, was sie freiwillig und gerne investieren.

Was können wir also all tun, um besser abzuschalten? Eine der Empfehlungen, die Goldsmith bereits damals gab, hat heute noch Bestand: Denk klein!

Finde eine Sache, die Du in Bezug auf Dein Verhalten verändern kannst, und fang damit an. Die meisten Versuche bei der Veränderung von Verhalten, z.B. gesund essen oder einen neuen Fitnessplan umzusetzen, scheitern aus dem gleichen Grund: sie sind zu ambitioniert!

Anstatt zu versuchen, all Deine Verhaltensweisen im Arbeitsalltag direkt zu verändern, beginne mit einem überschaubaren Ziel, mit dem Du Dich wohl fühlst. Versuch beispielsweise, Dein Smartphone in einem anderen Raum zu lassen, wenn Du abends nach Hause kommst, damit Du nicht permanent in Versuchung geführt wirst, eingehende Emails zu lesen, wenn das Smartphone in Deinem Gesichtsfeld auftaucht. Oder investiere ein paar Minuten darin, herauszufinden, wie Du Deinen Email-Account zu programmieren kannst, dass alle Nachrichten, die Du am Abend noch geschrieben hast, erst am nächsten Morgen versendet werden. So gerätst Du nicht am Abend noch in eine Email-Schlacht mit dem Empfänger.

Genauso sinnvoll ist es, damit aufzuhören, sich krampfhaft entspannen zu wollen. Finde eine Aktivität, die Dir Spaß macht, z.B. einen Tanzkurs, oder einen Kochkurs, oder eine neue Sportart, oder Kino, oder, oder, oder… Diese Aktivitäten werden nicht nur dazu führen, dass Du Dich dem Alltag danach wieder mit frischen Gedanken widmen kannst, sie eröffnen Dir auch eine neue Perspektive auf Probleme, nämlich mit Abstand. Und Du wirst Deine Zeit außerhalb der Arbeit dann auch nicht länger als Verlust, sondern als Gewinn empfinden (mehr zum Thema „Führungskräfte-Coaching“).

Statt Dich also selbst zu tadeln, nicht nach Geschäftsschluss noch zu arbeiten, sei proaktiv in der Planung von Freizeitaktivitäten, auf die Du Dich freust. Das ist es auch, was Veränderungs-Experten schon lange wissen: Eine schlechte Angewohnheit abzulegen heißt mehr als nur damit einfach aufzuhören – es bedeutet auch, mit etwas anderem zu beginnen, das mehr Spaß macht!

Wir helfen Dir gerne dabei, Deinen Weg aus der Alltagsfalle zu finden!